Digitale Avantgarde und Mediennutzungskompetenz
Medienwandel. Das Netz wird schneller, vernetzter und es wird persönlicher. Der Digitalen Avantgarde kann der Wandel gar nicht schnell genug gehen, andere wiederum rufen nach Entschleunigung. Erste Anzeichen der „Ich-Erschöpfung“ sind zu vernehmen.
Slow Media oder Schirrmacher’s Payback sind in aller Munde und Sachar will sein Leben zurück. Es geht jedoch nicht alleine um die Medien, es hat auch unmittelbare Auswirkung auf jeden von uns. Wir stehen nämlich am Ende der Kette. Als Informationsjunkies sind wir nicht nur reine Konsumenten. Nein, wir bewerten, reichern an, verknüpfen und geben das Resultat via Blogs, Twitter oder Facebook weiter. So entsteht Buzz – den, den es schon lange gibt.Im Zusammenhang mit dem Medienwandel macht das Schlagwort der Mediennutzungskompetenz die Runde. Selbst schuld, wenn wir nicht mit den neuen Medien nicht richtig umgehen können. Abschalten, ausschalten oder priorisieren sind die häufigsten Ratschläge. Bei meinem RSS-Reader ist inzwischen der Panic-Butten die meistgenutzte Funktion - Er löscht alle Inhalte auf einen Schlag. Ich drücke ihn sogar ohne schlechtes Gewissen, weil ich i.d.R. außer guten Dialogen, wenig verpasst habe.Nico Lumma meint sogar, es gäbe keine wirklich lesenswerte Blogs in Deutschland und liegt vielleicht gar nicht mal so falsch. Meiner Ansicht nach sind es die Diskussionen, die wertvoll sind und die ein Blog lesenswert machen. Allerdings finden diese durch den Wandel zunehmend dezentral statt und sind schwer zu orten. Das macht das Ganze nun so anstrengend.Nachdem eines der reichweitenstärksten Blogs wie Engagdet seine Kommentarfunktion abgeschaltet hat, diskutieren Leser bei Mashable ob Blogs überhaupt noch eine Kommentarfunktion haben sollten. Als einer der Gründe für das Abschalten der Kommentarfunktion wird angeführt, dass Kommentare off-site auf Facebook oder Twitter gepostet werden.Genau hier liegt meiner Meinung nach der Hund begraben. Kommentare gehören unter das jeweilige Posting und nicht als "Gutes Beipiel" oder #fail auf Twitter. Kommentare bereichern ein Posting und machen es erst zu dem, was ein Blog von einer normalen Webseite unterscheidet.Der Dialog ist ein ganz entscheidendes Merkmal. Zwar haben ihn die Klassiker auch entdeckt, allerdings überlassen sie das Kommentarfeld meist den Lesern. Sie selbst führen keinen Dialog. Wenn nun Blogs beginnen, die Kommentarfunktion abzuschalten, weil die Kommentierung woanders stattfindet, wer sollte dann noch Blogs lesen?Was hat das nun mit Overload, Slow Media und Mediennutzungskompetenz zu tun? Die Digitalen Avantgarde reklamiert für sich, Social Media verstanden zu haben, kommentiert wird aber trotzdem off-site auf Twitter, Facebook oder auf Amplify – also dezentral. Das führt dazu, dass an sehr vielen Stellen im Netz - über ein Thema das seinen Ursprung woanders hat - diskutiert wird. Dabei wäre es ganz simpel, dort im Kommentarfeld mitzureden, allerdings mit dem Riesennachteil verbunden, dass der Kommentator einer von vielen wäre.Die Digitale Avantgarde kann einen gewissen Hang zum Narzissmus nicht verleugnen und wird deswegen weiterhin versuchen im Mittelpunkt zu stehen, bis das „Ich“ erste Erschöpfungserscheinungen aufweist.Mit Tools wie dem Rivva-Bookmarklet, kann man einiges davon wieder sichtbar machen und zentralisieren. Mediennutzungskompetenz eben! Warum nicht gleich an der Stelle kommentieren, wo es wirklichen Mehrwert bringt und anschließend den Kommenterlink twittern oder facebooken (fürchterliches Wort - wird aber sicherlich auch noch im Duden erscheinen).Dann wäre allen geholfen: Blogs hätten wieder mehr Kommentare, Diskussionen würden übersichtlich an zentralen Stellen geführt und der Overload würde sich ein wenig reduzieren - ganz im Sinne von Slow Media.